Mo(nu)mentaufnahme
Fußball kann manchmal so einfach sein. Leverkusen traf am Samstagmittag auf einen auf dem Papier unterlegenen Gegner, trifft in der 25. Minute zum 1:0 und bringt die Führung in die Pause. Nach Wiederanpfiff kommt man etwas schleppend in Fahrt und kassiert den Gegentreffer, doch die Spieler beweisen Geduld, ziehen für 15 oder 20 Minuten das Tempo wieder an, erzielen drei Tore zwischen der 60. und 70. Minute und schicken die Gäste mit einer 4:1-Niederlage nach Hause.
Doch ganz so einfach ist das in und um Leverkusen derzeit nicht. Ein hoher Sieg gegen einen Abstiegskandidaten macht nicht wett, was seit Monaten um Robin Dutt geschieht. Der Trainer gab vor und nach dem Spiel die üblichen Floskeln ab, die sich aber alle um einen zentralen Satz zu drehen scheinen: „Es kommt immer auf die Wahrnehmung an“, sagte Robin Dutt am gestrigen Tage und deutete auf die Partie gegen Barcelona an. Als die Katalanen über 70% Ballbesitz hatten, sprach man von Spielkontrolle. Macht Bayer gegen Augsburg ähnliches, ist das ein Spiel ohne Ideen und ohne Zug zum Tor.
Jenes mit der Wahrnehmung lässt sich beliebig weiterdrehen. André Schürrle sagt nach dem Spiel, dass man natürlich auf dem Feld mitbekomme, was auf den Fanrängen los sei. Pfiffe und Anti-Stimmungsgesänge würden einen sehr wohl beeinflussen und vielleicht auch etwas hemmen. Die negative Bild, dass die Medienwelt inzwischen von Bayer Leverkusen abbildet, tut ihr übriges. Da drängt sich doch eine Frage auf: Bringen äußere Vorkommnisse die Unruhe in den Mannschaftskreis oder sind es, wie seit vielen Wochen von Kritikern propagiert, die Unruhen in der Mannschaft, die nach Außen und auf das Spielfeld dringen. Schaut man aktuell auf die 180 Minuten gegen Barcelona und Augsburg, sah man eine Mannschaft, die ihrem Trainer folgt und von der kolportierten Grüppchenbildung war nichts mehr übrig. Man kann und darf durchaus der Meinung sein, dass es zwischen Dutt und Teilen der Mannschaft in dieser Saison nicht sonderlich gut lief, dass beide Parteien ihre Fehler gemacht haben und Dutt ein Hauptverantwortlicher ist, doch man sollte ebenso anerkennen, dass das Gebilde jetzt zu funktionieren scheint. Nicht unbedingt spielerisch, dort ist weiterhin viel Luft nach oben, aber mannschaftlich. Es steht wieder ein Team auf dem Feld, das gemeinsam am trainervorgegebenen Strang zieht. Negative Stimmung gegen den Trainer, egal ob von der Fankurve oder der Pressetribüne, treibt nur unnötig da einen Keil rein, wo eigentlich kein Platz mehr vorhanden ist.
Keinen Platz mehr könnte es auch bald für Simon Rolfes geben. Es ist zwar deutlich zu früh dafür, ihn vollends abzuschreiben, doch sein Spielertyp ist in Dutts Stück für Stück etabliertem 4-1-4-1-System nicht mehr gefragt. Stefan Reinartz kümmert sich als Mann vor der Abwehrkette inzwischen vorbildlich um die defensive „Drecksarbeit“ und davor agieren vier Mittelfeldspieler, die ein am Ball spielerisches Potential haben, dass man von Rolfes selten bis nie sah. Vom Typ her könnte der ehemalige Nationalspieler am ehesten den Rang von Lars Bender ablaufen, doch am 22-jährigen, und da scheinen sich mal ausnahmsweise alle einig zu sein, gibt es derzeit kein vorbei.
Es gäbe nach diesem Spiel noch viele kleine Dinge zu thematisieren, doch macht das Sinn? Schlussendlich stellt sich in letzter Zeit nach jedem Wochenende die gleiche Frage: War das nun ein Ausrutscher oder zeigt es den wahren Stand, auf dem Bayer Leverkusen derzeit ist? Ist es ein Beleg für die Übergangssaison oder ein ausgestellten Armutszeugnis für Robin Dutt? Sind es Spieler, die nicht mehr können oder nicht mehr wollen? Geht es wirklich nur kurzfristig aufwärts, aber langfristig abwärts?
Wichtig ist, welche Schlüsse das Team daraus zieht und nicht, welche Meinung der Herr XY vertritt, der letztendlich keinen Einfluss hat. Doch sollte mich jemand nach meiner Meinung fragen, so würde ich ihm antworten, dass ich an diesen 90 Minuten so viel Spaß hatte wie schon lange nicht mehr. Da waren wieder Kombinationen, da war wieder eine Spielfreude. Es hat mir schlicht Spaß gemacht, 90 Minuten auf einen grünen Rasen zu schauen und darauf kommt mir es schlussendlich an.
Doch das alles ist, wie schon eingangs gesagt, nur eine Frage der eigenen Wahrnehmung und die sollte man manchmal einfach nicht höher setzen als sie eigentlich ist.
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