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Mannschaftskader

Von Bayerprofis, die wissen, wie man große Erfolge feiert

Sonntagabend, etwa zwanzig nach zehn. Das Spiel gegen Nürnberg habe ich gar nicht mehr so gut in Erinnerung. Verdrängung. Mal schauen, was ich so live während des Spiels von mir gab. Das hilft mir sicherlich auf die Sprünge:

“Ich bin etwas fassungslos.” “Selbst wenn Rolfes den Ball in der eigenen Hälfte hat, bewegen sich ALLE zehn Nürnberger Feldspieler. Von Bayer maximal 4.” “Was ist das denn auch für eine Raumaufteilung bei uns? Das kann unmöglich Dutts Vorgabe sein.” “Und wenn Castro nicht von der RV-Position bis ganz nach vorne rennen müsste, hätte der auch mehr Luft und Konzentration für den letzten Pass.” “Ich bitte um eine Packung.” “Das kuriose ist ja: Mit Schwaab und Castro spielen die zwei Besten in der Abwehr.” “In der ersten Halbzeit war das uninspirierter Standfußball. Wenn sich ein Spieler mal bewegte, dann nur direkt nach vorne. Keiner versuchte Laufwege zu kreuzen und so Räume freizumachen. Aber Dynamik war heute eh ein Fremdwort bei Leverkusen.”

Achja, ich erinnere mich. Es waren grausige 45 Minuten. Vielleicht die schlechteste Halbzeit in dieser Saison. Doch über das Spiel möchte ich mich hier gar nicht weiter auslassen. Dutt wird schon die richtigen Lehren daraus ziehen und der Mannschaft in der Winterpause wieder auf die Beine helfen. Vorausgesetzt er darf. Selbst als sachlicher Beobachter, der an Dutt glaubt und weiß, dass Bayer eher überlegt als impulsiv handelt, muss man anerkennen, dass des Trainers Stuhl wackelt und der Baum schon langsam zu zündeln beginnt und während Holzhäuser dabei bleibt, Dutt sein Vertrauen auszusprechen, wird Sportdirektor Völler deutlicher: Robin Dutt wird sich ihm gegenüber erklären müssen. Seinen Platz wird er aber wohl nur räumen müssen, wenn er zugibt, dass zwischen ihm und den Spielern Probleme bestehen, die so schnell nicht zu lösen sind. Völler weiß nämlich, dass es nicht nur am Trainer liegt. Er wird auch Spieler in sein Büro bitten. Es deuten sich Probleme innerhalb des Kaders an. Grüppchenbildung, die über das normale hinausgehen. Wenn man die Partie gegen Nürnberg sieht, kann man darauf spekulieren, dass das entscheidende Problem nicht zwischen Trainer und Spieler, sondern zwischen Spieler und Spieler liegt. Auf dem Platz läuft schließlich kaum einer für den anderen. Die einen opfern sich auf, die anderen schlürfen gedanklich blockiert oder überfordert über den Platz. Unter Heynckes herrschte zwar gute Laune, zur richtigen Höchstleistung hat er fast niemand gebracht. Das versucht Dutt zu ändern, mit einem Trainings- und Ablaufsystem, dass sich stark an der Leistung orientiert, doch einige scheinen diesen Weg nicht gehen zu wollen. Die stellen sich quer, geben auf, appellieren an abweichende Wege zum vermeidlichen Ziel, welches sie dabei aus den Augen verlieren. Das Ziel ist das erneute Erreichen der Champions League, sonst drohen, wie Holzhäuser unlängst ankündigte, Etatkürzungen. Auch Spielerverkäufe genannt.

Sollte es dazu kommen, rückt das langfristige Ziel (Deutscher Meister bis 2014), in weite Ferne. Denn schon ohne die möglichen Abgänge zerrt der Kader an sich selbst. Zu klein ist er, um Formschwankungen und Verletzungen auszugleichen sowie Spieler, die sich quer stellen, zu ersetzen. Hoffnungen auf Verstärkungen im Winter darf sich der Fan dabei keine machen. Rudi Völler verkauft wie in den letzten Jahren die Rückkehrer als Neuzugänge: “Unsere Neuen werden Renato Augusto und Tranquillo Barnetta sein.” Eines gibt der in Düsseldorf lebende Deutsche aber inzwischen offen zu: „Das Arturo Vidal weg ist, dass tut uns weh.“

Es bleibt die Hoffnung, dass alle unter dem Bayerkreuz in der Winterpause die vorhandenen Probleme richtig angehen und das Team bald wieder auf Kurs bringen. Falls nicht, müssen Konsequenzen folgen. Weite Teile der Fans fordern schon jetzt den Stuhl ihres Jahrgangsbesten und würden bei weiteren Rückschlägen auch weitere Unterstützer finden. Natürlich ist eine Trainerentlassung die leichteste Form der personellen Veränderung, zu der sich die Führungsetage in Drucksituationen stets genötigt fühlt. Die beste Lösung ist sie aber meiner Meinung nicht. Das Problem ist nicht der Trainer. Es sind die Spieler, die der Idee ihres Vorgesetzten nie eine echte Chance gaben. Da muss man ansetzen, erst dann wird der so lang ersehnte Titelgewinn nach Leverkusen kehren.

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Im Fußball kann alles passieren

Was für Wochen bei Bayer04. Einem irgendwie hin gequälten Sieg gegen den FCK folgt die Energieleistung in der Champions League verbunden mit der Qualifikation fürs Achtelfinale. Gegen Hertha BSC reichen dann drei Tore auswärts nichts zum Sieg.

Achterbahnfahrt der Gefühle.

Und dann kommt gestern auch noch die Nachricht von der Verpflichtung Bernd Lenos. Eigentlich sollte die Meldung ungeteilte Freude auslösen. Tut sie aber nicht. Weil sie einen Abschied impliziert. Weil nun wohl feststeht, dass Rene Adler den Verein zum Saisonende verlassen wird.

Dass ist schade. Aber vielleicht ist es besser so. Für René. Und für den Verein. Auch wenn sich Adler mit dem Verein sehr identifizierte und quasi als Ziehsohn Rüdiger Vollborns galt. Ich habe Adler in den letzten Jahren nicht mehr wirklich gut gesehen. Und es war für mich verdammt schmerzhaft, dass ich mir eingestehen musste, dass die Diskussion, ob nun Neuer oder Adler der bessere Torwart sei, keine mehr ist. Und ich glaube, dass der Grund dafür nicht nur in den Verletzungen liegt, die die Leistungsfähigkeit Adlers immer wieder einschränkten.

In einem langen und ausführlichen Interview mit dem ZDF sagte Adler vor einigen Wochen sinngemäß, dass er glaube, dass auf dem allerhöchsten Niveau nicht mehr die Qualität des Trainings entscheide – schließlich seien alle Spieler toptrainiert – sondern die Psyche. Und dass er sich viel damit beschäftige, um diese letzten zehn Prozent, die den Unterschied für ihn ausmachen würden, aus sich herausholen. Da habe ich schlucken müssen. Denn leider fragte die Interviewerin nicht nach, wie er denn Strafraumbeherrschung oder Flankenpflücken trainiere. Oder zielgenaue Abwürfe und Abschläge für die Spieleröffnung. Wie man sich da weiter verbessern könne. Wäre meiner Meinung nach nämlich interessant geworden. Am Ende des Tages reicht es nämlich nicht, dass man einen Ball unbedingt fangen will, sondern dass man es tut. Und da hat es beim Rene in der letzten Zeit durchaus gehapert.

Ich hoffe sehr, dass Rene wieder richtig gesund wird. Durch die Verpflichtung Lenos kann er das jetzt ohne großen Zeitdruck tun. Ich werde ihn in der Mannschaft vermissen und neugierig bleiben, wie er sich entwickelt. Er ist ja auch erst 26. Vor allem bin ich gespannt, welche Entscheidung er für seine Zukunft treffen wird. Denn die steckt ja bekanntlich voller Überraschungen. Ich meine, wer hätte darauf gewettet, dass Bayer04-Buttie nochmal CL-Finale spielt? Mit den Bayern? Aber wie sagen die Spieler neuerdings so gerne: Im Fußball kann alles passieren. Auch, dass sich ein Leno im Frühjahr verletzt und wir uns tierisch freuen, dass wir dann einen fitten Rene Adler ins Tor stellen können.

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Quo vadis Bayer 04 Leverkusen?

Ein Drittel der Saison ist gespielt, höchste Zeit einmal grundsätzlicher zu werden. Die letzten Wochen waren für den gemeinen B04-Fan ein Grauen. Die Saison fing mit einem Genickschlag an, rumpelte dann so vor sich hin und nun, nach 12 gespielten Runden, suggeriert der Blick in die Medien ein zerstrittenes Team, einen Trainer auf der Suche nach der Spielidentität und der richtigen Balance im Umgang mit den Spielern und einen Geschäftsführer, der mit seinen Äußerungen zu Transfers, Spielern und überhaupt besser schweigen würde, weil das, was er sagt, auf wenig Sachverstand schließen lasse.

Ist dem so? Sind Trainer und Mannschaft wirklich so zerstritten, wie es immer heißt? Hat Holzi keine Ahnung vom Geschäft? Und Dutt keine vom schönen und erfolgreichen Spiel? Es sind die klassischen Fragen, die immer auftauchen, wenn der Erfolg ausbleibt. Es sind die falschen Fragen, denn derzeit befindet sich – auch wenn es kaum einer offen sagt – Bayer04 im Umbruch, wie schon lange nicht mehr.

Mit Leno, Schürrle, Bender, Sam und Toprak stehen derzeit fünf Mann im Kader, die ihre erste oder zweite Saison nicht nur auf Bundesliga-Spitzenniveau sondern auch in der CL spielen müssen. Mit einem neuen Trainer. Bedingt durch die Verletzungen von Augusto und Barnetta sowie den Abgang von Vidal fehlen dem Team drei erfahrene Kräfte, was dem Trainer eine sinnvolle Rotation erschwert. Ich bin mir jedoch sicher, dass wir einige der Probleme ebenfalls hätten, wenn alle Spieler gesund wären. Wir hätten womögliche einen Michael Ballack auf der Bank und ständig Theater. Wir hätten einen schmollenden Sam. Oder einen schmollenden Barnetta. Weil mal ehrlich: Wer einen fitten Schürrle im Kader hat, setzt ihn auch ein. Und auch ein Augusto hatte in der Vergangenheit seine genialen Momente nicht in der Konstanz, dass er – wie beispielsweise ein Vidal – derzeit in der Lage wäre, den nächsten Schritt zu einem größeren Verein zu gehen. Gleiches lässt sich über Castro sagen. Nene, nee, nee, die alten Haudegen inklusive Rolfes hatten lange genug Zeit mal richtig was zu reißen. Und was ist dabei rumgekommen?

Es kommt nicht von ungefähr, dass Holzi genau die arrivierten, dem Verein lange verbundenen Spieler wie Castro, Rolfes und Kies letztens in die Pflicht genommen hat und das er meinte, man sei bereit alles zu hinterfragen. Und es kommt nicht von ungefähr, dass Bayer04 unverholen viel Geld in einen 19-jährigen Torhüter stecken will, um diesen langfristig zu binden. Nur als Druckmittel für die Verhandlungen mit Adler? Oder auch, weil man mittlerweile der Überzeugung ist, dass René Adler seit seiner Verletzung vor der WM nie mehr ganz der Alte geworden ist? Jedenfalls nicht so sehr, dass es ihn berechtigt, zu einem der absoluten Spitzenverdiener im Club aufzusteigen? Vielleicht steckt hinter all dem aber auch noch ein bisschen mehr.

Demonstrativ stärkte die Vereinsführung in der Länderspielpause ja auch dem Trainer den Rücken, der auch noch einmal betonte, er habe den Auftrag bekommen, richtig viel im Verein zu verändern. Sollte dies wirklich der Fall sein, dann ist das Verhalten des Vereins bei Transfers und das Verhalten von Dutt beim Coaching nur konsequent. Dann muss Dutt die jungen Spieler spielen lassen, ihre Unerfahrenheit und ihre Leistungstiefs in Kauf nehmen. Er muss den Stil der Mannschaft ändern, selbst, wenn das bedeutet, dass für einen Kies, einen Adler oder einen Rolfes vielleicht in einem Jahr kein Platz mehr in dieser Mannschaft ist. Denn die Zukunft wird kommen.

Und die Frage ist, ob die Zukunft mit oder ohne uns stattfindet.

Man sieht das derzeit ja sehr schön an der Nationalmannschaft, in der ein Rolfes nicht umsonst in der Mittelfeldhierarchie so weit zurückgefallen ist. Das Spiel hat sich verändert. Die Anforderungen an die Spieler ebenso. Vermisst eigentlich einer von euch einen Helmes? Die Vereinsführung von Bayer04 scheint derzeit jedenfalls auf die Zukunft zu setzen. Auch, weil man wohl erkannt hat, dass es mit den “alten” Spielern zum ganz großen Wurf – einem Titelgewinn – eben nicht gereicht hat. Ich teile diese Auffassung. Ich meine, sogar Nürnberg hat in den letzten Jahren den DFB-Pokal gewinnen können. Und Schalke und Bremen richtig oft. Dortmund ist Meister geworden. Wolfsburg und Bremen haben sich vor die Bayern mogeln können. Es kann doch nicht sein, dass wir nicht in der Lage sind, wenigstens einmal eine außergewöhnliche Saison rauszuhauen. Da muss sich was ändern.

Getragen wird dieser Umbruch bei Bayer04 natürlich in erster Linie von Erfolgen. Aber auch von der Fähigkeit, schlechte Ergebnisse wegzustecken. Sich über die auftretenden Schwierigkeiten hinwegzusetzen. Selbst, wenn wir daher am Freitag gegen Kaiserslautern verlieren sollten und auch gegen Chelsea verkacken … Unser wichtigstes Saisonziel, sollte die Zukunft bleiben.

Und natürlich mindestens ein vierter Platz am Saisonende, damit die Mannschaft weiterhin auf höchstem Niveau lernen kann.

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Die verlorene Identifikationsfigur

Nach über 230 Spielen in acht Saisons muss sich Gonzalo Castro fragen, ob er schon alles erreicht hat und ob dies schon das Ende der Leistungskurve ist. Fragen, mit denen man sich im Alter von 24 Jahren eigentlich ungern beschäftigt.  …Eigentlich… ein Wort, dass den bisherigen Verlauf seiner Karriere stets begleitet. Denn eigentlich bietet er alles an, um eine echte Identifikationsfigur für Verein und Fans zu sein, von denen es sonst bei Bayer chronisch mangelt. Seit seinem zwölften Lebensjahr unter dem Bayerkreuz hat er sich in jedem Team behauptet und landete nach nur fünf Jahren bei den Profis. Wechselabsichten kennt er auch nicht. Dazu kommt ein EM-Titel. Eigentlich ein großer Erfolg, jedoch erreichte er diesen Ruhm mit der U21. In der A-Nationalmannschaft spielt der gebürtiger Wuppertaler keiner Rolle. Diese sollte er dafür unter Dutt erfüllen. Als eine moderne und spielerisch starke Lösung sah der Deutsch-Inder den Allrounder auf der “Sechs”. Das war kurz vor den ersten Pflichtspielen. 15 Partien später sieht man den gleichen Castro wie all die Jahre zuvor. Man sah ihn hinten rechts, vorne links oder als Kadlec-Ersatz. Immer mit 100% Einsatz, doch nicht immer wie es sich Trainer und Fans von ihm gewünscht hätten. Die guten und schlechten Aktionen trafen im Reißverschlussverfahren aufeinander. Lichtblicke sind dabei Partien wie zuletzt gegen Freiburg. Zwar war seine Einzelleistung nun nicht herausragend gut, aber dafür bemerkenswert anders. Im Breisgau durfte er schließlich zentral vor der Abwehr auflaufen. Seine alte Lieblingsposition, in der er sich stets am besten sieht und fühlt. Dort schlägt er unter Druck lieber ballsicher einen Haken anstatt mit einem überhastetem Pass dem Gegner ins Spiel zu bringen. Die eher hüftsteifen Rolfes oder Bender sind dazu weniger in der Lage. Was Castro in den über 180 Bundesligaeinsätzen  besonders geschult hat, ist sein Auge für das Spielgeschehen. Er braucht nicht lange um mögliche Pass- und Laufwege zu erkennen. Dabei eine Kreativität zu entwickeln, die für Trainer und Spieler nicht zu unterbinden ist, ist Gold wert, zumal der Leverkusener die benötigte Passgenauigkeit mitbringt. Bevor man diese allerdings zu Gesicht bekommt, ist es dann auch schon vorbei. Wie gegen Freiburg. Ein paar Spielerwechsel, dazu Systemänderungen und schon ist Castro wieder hinten rechts oder versucht sich als offensiver Mittelfeldspieler.

Eigentlich vereint “Gonzo” in seinem 171cm großem Körper jede Voraussetzung, um nach heutigen Standards einem zentralen Spielantreiber gerecht zu werden, der uns nach dem Abgang von Vidal fehlt. Da er allerdings schlicht über ein so großes Repertoire verfügt, grätscht er sich schnell in die Rolle der Aushilfe. Dabei hilft das auf Dauer niemandem. Castro kann sich nie wirklich spezialisieren und der Klub hat einen talentierten Deutschen im Kader, der sich gemessen am Potential viel zu selten für die Nationalmannschaft empfiehlt. Das tut dafür Lars Bender. Zwei Jahre jünger und um weit über 100 Bundesligaspiele unerfahrener. Zugleich entwickelt er sich mit kämpferischen Leistungen und klaren Aussagen zum Publikumsliebling. Man könnte mit Fug und Recht behaupten: Bender ist dort, wo Castro eigentlich schon gewesen sein müsste.

Doch so ist es nicht und die Gründe dafür liegen nicht nur bei den Entscheidungen seiner vielen Trainer, die er inzwischen hatte. Gonzalo Castro stellt sich immer hinter das Team. Er nimmt sich auch keine Eigenheiten heraus, akzeptiert alle Entscheidungen zu Gunsten der Mannschaft und ist vor allem keiner, der Mikrofone als Ablassventile nutzt. Und wenn doch, dann nur um wie vor wenigen Wochen seinen Kollegen und Freund Renato Augusto den Rücken zu stärken. Diese Charakterzüge versperren ihm wahrscheinlich nicht nur den Weg zur Stammkraft in der Mittelfeldzentrale, sondern auch den Pfad zur Identifikationsfigur. Er ist kein Bernd Schneider und erst recht kein Michael Ballack, sondern ein Gonzalo Castro, der seinen eigenen Weg beschreitet und dabei nicht alle Ideale fördert, die der allgemeine Fan fordert.

Vielleicht ist er mir gerade deswegen so sympathisch und bietet mir persönlich mehr Identifikationsfläche als so mancher junger Fußballprofi, der sich von seinem Medienberater in der Öffentlichkeit lenken lässt. Gonzalo Castro ist mehr als nur reif, um dauerhaft in die Spielfeldzentrale einzuziehen und die Zügel in die Hand zu nehmen.

 

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Ich habe den Glauben verloren

Guten Tag,

ich bin Stefan und Betreiber des bayer04blogs. Ich schreibe dir, meinem zukünftigen Ich, damit du dich daran erinnerst wie man Bayer Leverkusen bei spätsommerlichen Temperaturen im Herbst 2011 vorfand. Wie du weißt, bin ich ein blühender Völleristi. Vieles das ich am Verein schätze wurde durch den ehemaligen Weltklasse-Stürmer initiiert. Doch in den letzten Tagen neige ich auch zum Dutthismus. Das widerspricht sich auch in keinster Weise. Beide Denk- und Glaubensweise ergänzen sich eigentlich ganz gut. Nicht umsonst war Herr Völler glücklich wie Sahnekuchen als er der Öffentlichkeit den neuen Trainer des Werksclubs vorstellen konnte.

Heute scheint die Situation etwas angespannter. Robin Dutt verliert Spiel um Spiel, von außen wird ihm unterstellt, dass die Bindung zur Mannschaft fehle und Aussagen seiner Spieler zweifeln an einer guten Zusammenarbeit zwischen beiden Parteien. Die Fans bekunden lautstark ihre Meinung. “Verpiss dich Robin Dutt”, kann man in den Stadien lesen und hören. Dabei ist doch Dutt das beste, das uns passieren konnte. Nachdem Opa Heynckes erneut im Saisonendspurt versagte, gab es zwar am letzten Spieltag einen versöhnlichen Abschied, aber viele waren doch froh, dass mit der Verpflichtung von Robin Dutt ein neues, besseres und noch erfolgreicheres Kapital aufgeschlagen wird. So hat man es doch euch auch versprochen. Von Vereins- und Medienseite. Aber nun läuft es wieder nicht rund. Trotz neuen Trainers. Auch er scheint das “Vizesyndrom” nicht austreiben zu können. Ist die harsche Kritik und die Forderung nach seinem Trainerstuhl nun berechtigt?

Ja und Nein. Ja, Dutt macht Fehler, aber er muss unbedingt dem Verein erhalten bleiben. Weißt du nämlich, was ich nicht ganz verstehe, Stefan? Dass die Mannschaft eigentlich wieder ganz gut davon kommt. Da heißt es wieder, die seien noch jung und die wichtigsten Stützen seien verkauft worden. Zudem werden sie auch taktisch falsch eingesetzt und vom Trainingsleiter falsch behandelt. Mittelsmann Hermann fehlt ja ebenso. Fakt ist aber, das viele von diesen schon ihren dritten Trainer in Leverkusen sehen. Könnte es also sein, dass es gar nicht am Trainer, sondern an den Spielern liegt? NEIN, Stefan. Sowas darfst du nicht einmal denken. Das Team ist in Leverkusen heilig. Alles nette, charakterstarke Jungs, die technisch feinen Fußball darbieten können. Der Trainer muss einfach schuld sein.

Doch du sollst mich nicht falsch verstehen. Ich mag das Team und lieber bin ich mit Castro, Rolfes und Kießling auf Platz 5 als mit Magaths Wegwerfspielern auf Platz 2. Und Dutt gehört für mich auch dazu. Er wird sich noch profilieren und dann den starken Mann geben, den es neben Völler und Holzhäuser braucht. Ganz nach der deutschen Gewaltenteilung. Wie er am Saisonanfang gleich unterschwellig den Meistertitel ins Auge fasste und damit die Spieler unter Druck setzte, war jenseits der jetzt kolportierten Rückkehr zur Komfortzone.

Für die sorgt eher Wolfgang Holzhäuser, der sonst mit seinem harten Geschäftssinn als eher unbequem gilt. Dieser revidierte nämlich im vorbeigehen die Saisonziele. Statt erneuter Champions League darf es jetzt auch Platz 6 sein und statt Achtelfinale reicht es nun in der CL-Gruppe auf Platz 3 zu landen, um wenigstens international zu überwintern. So etwas kann ich überhaupt nicht leiden, wie du weißt. Da fängt die Saison gerade erst an, schon legt man gemütliche Matratzen aus und sucht nach Alibis.

Ich habe so das Gefühl, es passt nicht. Das Gleichgewicht zwischen den Völleristi, Dutthisten und Holzianer kommt ins Schwanken. Doch während sich die Köpfe zusammensetzen und an Lösungen arbeiten, brechen bei ihren Anhängern schon die Masten und sie schippern ohne Kurs durch die Wirrungen des Fanseins. Alles schlecht, alles aussichtslos, alles scheiße. Also eigentlich alles wie immer, wenn wir mal zwei, drei Spiele verlieren. Stefan, ich hatte mal den Glauben, dass die Fans eines Vereins immer irgendwie wie ihr Vereins sind. Während Bayer Leverkusen eher bekannt für kalt durchkalkulierten Fußball steht, der im Erfolgsfall schön anzusehen ist, machen sich die Bayerfans im Hysteriemodus wieder einen Namen.

Ganz groß.

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