Seine letzte Chance
Holger Broich musste ihn bremsen, so sehr brennte sein wertvollster Dauerpatient auf sein Comeback. Renato Augusto will es wieder allen zeigen. Besser gesagt: Er muss. Es könnte sein letzter Bühnenauftrifft in der BayArena sein. Umstrukturierungen stehen beim Verpassen der Champions League an und Angebote soll es besonders aus seiner Heimat geben.
Er ist einer der besten Straßenfußballer in der Bundesliga, er ist ein Gewinn für jede Mannschaft, er kann den Ausschlag geben, er ist ein brasilianisches Juwel. Wörter und Sätze, die immer mit Blick auf Leverkusens Nummer 10 fallen. Taten, die den Vorankündigungen gerecht werden, sind aber rar gesät. Starke Phasen in seiner Debütsaison und eine richtig gute Rückrunde in der letzten Saison. Dazwischen vergebliche Versuche irgendwo anzuknüpfen.
Wenn der so gar nicht windige Brasilianer bald wieder den Platz betritt, wird er die personifizierte Sehnsucht verkörpern. In Zeiten, in denen Leverkusens Fußball zunehmend unansehnlicher wird, wünscht man sich Lichtblicke. Einen schönen Lupfer über den Torwart, ein feines Dribblings, einen schnieken Doppelpass durch das Abwehrzentrum. Natürlich ist so etwas völlig trivial, gibt es wahrlich wichtigere Themen und Baustellen. Beim Autoren Hattrick wird die Komfortzone abgerissen, Holzhäuser möchte das Team neu ausrichten und Dutt sieht seinen Weg vor lauter Stolpersteinen nicht. Doch das alles bremst nicht den Wunsch nach schönem Fußball. Bevor ich erkannte, wie großartig es sein kann, Vereinsfan zu sein, war ich nämlich Fan des Fußballs. Nach der Schule ging es auf den Rasen und um sich selbst zu pushen, kleidete man sich Namen großer Helden. Manchmal wurden Szenen aus dem am Vortag übertragenen Länderspiel nachgeahmt, manchmal gelang einem einfach ein Geniestreich, der noch eine ganze Weile in den Köpfen hängen blieb. Es interessierte nicht, ob die Abwehrkette auch schön hoch stand, falls es überhaupt eine Abwehr gab und es war egal, was die Großen von unserer angeblich stümperhaften Ballbehandlung hielten. Wir spielten Fußball. Aus Freude und ohne den Zwang die Erwartungen von irgendwelchen Fans zu erfüllen.
Mit der Rückkehr von Renato wünscht man sich auch ein wenig diese kleinen Dinge zurück. Man möchte unbeschwerten Fußball, weit weg von dem Mediengetöse und den ständigen Diskussionen um Personalien, die nur in Anfeindungen enden. Doch der Brasilianer mag zwar vieles sein, aber sicher nicht unbeschwert. Als Außenstehenden wie mich frägt man sich, wieso seine Schultern nicht schon auf dem Boden schleifen. Bezahlt soll er sich machen, Zauberfußball bieten, sich endlich auch taktisch einreihen, den ganzen Offensivapparat beleben und irgendwelche Kinderwünsche von verblendeten Bloggern erfüllen. Was Renato Augusto möchte, das scheint niemand zu fragen.
Wer sich aber nach seinem Befinden erkundigt, erhält professionelle Statements, präsentiert von einem Gesichtsausdruck der nur nach einem zu schreien scheint: Sehnsucht. Sehnsucht nach einem kongenialen Partner wie Arturo Vidal es war, Sehnsucht nach echten Erfolgserlebnissen und, wie so viele, Sehnsucht nach Brasilien. Dort stand er mit beiden Füßen im Leben, wenngleich von Problemen verschiedenster Art getrieben. In Deutschland sei das anders. Alles und jeder kümmert sich um ihn und fällt er auf dem Weg, die vielen Erwartungen zu erfüllen hin, so wird er getragen.
Renato Augusto, so viel steht außer Frage, wird noch einmal alles für ein gelungenes Comeback geben. Vielleicht gewinnt er den Kampf gegen sich und die anderen, vielleicht auch nicht. Doch wenn es so weit ist, sollten wir ihn einfach spielen lassen. Verklärt romantisch und ohne alles zu thematisieren oder hinterfragen. Einfach spielen.
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