In unserem Block wurde gestern Abend ein etwas merkwürdiger Gesang angestimmt. Er bestand nur aus zwei Zeilen: Who the fuck is Barcelona, mehrfach wiederholt, und Barcelona, we fuck you. Es war lustig und peinlich zugleich, und ich hab nur gehofft, dass es so leise gesungen wird, dass die Barca-Spieler es nicht hören, geschweige denn verstehen.
Auf eine befremdliche Weise lustig waren auch die Pfiffe in den ersten ca. 20 Minuten des Spiels, jedes Mal, wenn Barcelona am Ball war. Besonders die gellenden Pfiffe in Richtung Messi fand ich schlichtweg absurd. Ich bezeichne mich doch auch nicht als Musikliebhaber und pfeife dann auf ‘nem Konzert die Beatles oder Queen oder Johnny Cash aus!
Während einige Verwirrte pfiffen, hatte ich in der Anfangsphase des Spiels das Gefühl nicht atmen zu können, so groß war die Angst zu jeder Sekunde ein Gegentor zu bekommen. Ich hab mich kaum getraut mich zu bewegen, wollte aus Aberglaube aber auch nicht aufhören zu singen und zu supporten. Da man solch eine Anspannung aber nicht über 90 Minuten aushalten kann, sorgt der Körper irgendwann dafür, dass man sich dran gewöhnt und es folglich als weniger schlimm empfindet. Oder Lionel Messi sorgt einfach dafür, dass es 1:0 für Barcelona steht.
Diese Anspannung ist übrigens vergleichbar mit meiner Flugangst und dem Gefühl, das ich habe, wenn ich im Flieger sitze. Nur dass es da nach dem Absturz nicht mehr weitergeht.
Auch wenn ich mir gewünscht hatte, das 0:0 zumindest in die Halbzeit zu retten, lief bis zu diesem Zeitpunkt schon alles besser, als ich zu hoffen gewagt hatte. Dass Barcelona uns in jeder Hinsicht spielerisch und taktisch überlegen sein würde, war doch klar! Meine Mama, ihres Zeichens Leverkusen-Fan, so wie mein Bruder und Vater auch, und ebenfalls gestern Abend im Stadion, hat in ihrer ihr eigenen wundervollen Art das Spiel wie folgt zusammengefasst:
And the game, though the reports are critical, was better than anticipated… I was actually quite scared that Leverkusen would concede early goals and be hopelessly outclassed! But they tried hard, and if they train as hard as they tried, then perhaps they really might get somewhere in a year or two. But they desperately need a striker as reliable as Ulf Kirsten!
Ich habe keinen der vielen Spielberichte gelesen, aber den ein oder anderen Auszug via Twitter aufgeschnappt, und mir drängt sich das Gefühl auf, dass da Menschen über das Spiel schreiben, die das derzeitige Leverkusen gar nicht kennen. Menschen, die vor der gestrigen Partie schon sehr lange keine Bayer-Begegnung gesehen haben. Im Kontext der letzten Wochen und Monate betrachtet, ist Leverkusen gerade gestern nicht „blutleer“ aufgetreten. Es ist richtig, dass wir in der ersten Halbzeit keinen Fußball gespielt, sondern nur blind verteidigt haben, aber während ich diese Zeilen schreibe wird Arsenal gerade 4:0 von Milan vermöbelt. Es hätte auch ganz anders kommen können gestern.
Das Glücksgefühl beim 1:1 war unbeschreiblich. Wir sind über Sitzreihen geklettert und getaumelt (diese blöden Sitzschalen, die die bei der EL und CL immer einbauen, sind nur im Weg!) und ich hab erst hinterher gemerkt, dass mein linker Fuß wehtat, ohne zu wissen warum genau. Ich stand plötzlich zwei Reihen höher und 5 Meter weiter links als noch wenige Sekunden zuvor und wusste nicht, wie ich da hingekommen war. Die Gesichtsausdrücke meiner Freunde und der anderen Fans um mich rum gaben mir zu verstehen, dass sie gerade dasselbe fühlen wie ich. Ich dachte wirklich, ich müsse jeden Moment in Tränen ausbrechen.
Es war das heftigste „Fußball-Gefühl“ an das ich mich erinnern kann, noch heftiger als das Glücksgefühl bei Friedrichs 2:1 gegen Chelsea in der 90. Minute des CL-Vorrundenspiels. Ich erinnere mich an einige ähnlich wahnsinnige Champions League Abende, damals vor acht, neun, zehn Jahren, aber da ist eher der unfassbar spannende, dramatische Spielverlauf hängengeblieben, und kein derartiges Gefühl des überschäumenden, aus einem raussprudelnden Glücks.
Und das ist, was ich aus diesem Spiel mitnehme. Keine Trikottauschaktionen, ob peinlich oder nicht; nicht, dass wir schlecht gespielt haben; noch nicht mal, dass wir verloren haben. Nur das Gefühl bei Kadlecs Tor, die Sekunden unmittelbar danach, und die drei Minuten bis zu Sánchez‘ 1:2.
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