Warum die Stürmer nicht trafen
Leverkusens Stürmer treffen nicht. Nur neun von 35 Toren erzielte der Sturm in der heimischen Liga. Mein Versuch einer Erklärung und Analyse.
Würde Jupp Heynckes diese Zeilen lesen, würde er mir schon jetzt widersprechen. Nach seiner Ansicht hat der Sturm nicht nur 9, sondern um die 19 Treffer erzielt. Denn für Heynckes sind die Flügelspieler in seinem 4-3-3 System auch Außenstürmer und weniger Mittelfeldspieler. Das hat aber auch eigentlich wenig zur Sache, da es mir um die Sturmspitze, also um Kießling, Helmes und Derdiyok geht. Diese drei Herren wissen wo das Tor steht, das haben sie schon bewiesen, doch in dieser Saison will keiner wirklich die Torjägerkanone in Angriff nehmen. Gerade im Bayerfanlager sieht man das nicht gern, ist man doch in den letzten Jahren mit einem Kirsten, Berbatov oder jeweils einer äußerst torreichen Saison von Helmes und Kießling beglückt worden. Dass die Werkself trotzdem erfolgreich ist, liegt an der Interpretation des Spielsystems: Die Sturmspitze hat andere Aufgaben als in den letzten Saisons und kommt auch zu weniger Chancen, ergo trifft sie auch nicht oft. Konkret sieht das so aus:
Mittelstürmer bewegen sich hauptsächlich irgendwo zwischen Innenverteidigerpärchen und Doppelsechs. Zwar weichen sie gerne mal auf den Flügel aus oder holen sich die Bälle aus dem Mittelfeld, aber grundsätzlich ist das ihre Position. Diese teilt man sich natürlich gerne mit einem Sturmpartner, weil so die Aufmerksamkeit auf zwei bewegliche Objekte fällt und nicht auf einen allein. In dieser Saison gibt es den Partner jedoch in Leverkusen nicht mehr. Er wurde für das Mittelfeld geopfert, um dort Angriffe breiter und mit mehr Anspielmöglichkeiten zu entfachen.
Der alleinige Stürmer ist in Heynckes Umsetzung oft dazu gezwungen, die Bälle abzulegen oder den „Abpraller“ zu spielen. Er kann weniger auf der Abseitslinie lauern und auf den tiefen Pass warten oder gar durchstarten, um eine Flanke von der Grundlinie zu verwandeln, wie es zum Beispiel Barrios am ersten Spieltag gegen uns ganz aggressiv betrieben hat. (Siehe Grafik)
Dieses Spiel, wie es Barrios gegen uns betrieb, würde einem Helmes sehr liegen, da er im Laufduell ein ungeheures Durchsetzungsvermögen hat und im direkten Duell mit dem Torwart meist ohne Blöße verwandelt. Seine Rolle aber dahingehend auszulegen, würde trotzdem wenig Sinn machen. Der gegnerische Trainer stellt seine Mannschaft bei der drohenden Bayeroffensive immer sehr tief in den Raum. Der Platz zwischen Abseitslinie und Torwart ist kleiner als bei den meisten anderen Begegnungen. Auf Grund dessen ergreift auch Leverkusen stets selbst die Initiative in der Partie, Gegenangriffe sind seltener geworden. Man wird eher ausgekontert, anstatt man selbst die hervorragenden Konterstürmer Kießling und Derdiyok in Szene setzt.
Allgemein sieht man diese Saison weniger Pässe in den Lauf bzw. in die Tiefe. Es gibt viel Direktspiel und mit Dribblings sowie schnellen Kombinationen wird versucht, dass Spielfeld schnell zu überbrücken. Das ist auch eine Folge dessen, dass die Gegner gegen uns stets gut geordnet sind und ihre Abwehrformation nahe dem eigenen Tor aufstellen.
Heynckes lässt viel mit dem Ball trainieren, will eine gewisse Passsicherheit etablieren. Ballverluste sieht er nicht gerne, dass sie trotzdem vorkommen liegt auch am hohen Niveau, welches der Trainer einfordert. Die Angriffe sollen bis zum Torschuss zu Ende gespielt werden, weswegen hohe Bälle aus der Mitte oder Flanken eine nicht gern gesehene Option sind (zu risikoreich). Für die starken Kopfballspieler in unserem Sturm natürlich nicht von Vorteil.
Ein Trugschluss ist, wer denkt, mit dem alten 4-4-2 würden automatisch mehr Toren fallen, weil man zwei Mittelstürmer auf dem Feld hat. Der entscheidende Punkt dabei ist: Zwei Stürmer müssen genug unterhalten und mit Bällen versorgt werden, sonst stehen sie sich die Füße platt und gleichzeitig fehlt ein Mann im Mittelfeld. So gesehen in dieser Hinrunde.
Bleibt die Frage: „Haben wir die falschen Stürmer?“
Nein, nicht unbedingt. Besonders Stefan Kießling könnte die Rolle exzellent passen, auch wenn es natürlich eine Umstellung seines Spiels bedeutet. In der Nationalmannschaft hat es nicht funktioniert, deren System dem unseren ähnlich ist, doch dort stand ihm natürlich nicht im Ansatz so viel Zeit und Trainingseinheiten zur Verfügung wie bei Bayer 04. Auch Eren Derdiyok kann die Vorgaben des Trainers umsetzen. Bei ihm war es am Ende wohl mehr Formschwäche als die taktische Neuerung. Im Vergleich mit Kießling betreibt der Schweizer viel weniger Aufwand. Kießling geht mehr Bällen nach und ist aktiver. Ihre Überlegenheit in der Luft kommt, außer bei Standards, nun selten bei Torchancen zum Tragen. Doch gerade beim angesprochenen Ablegen von Bällen ist das von enormem Vorteil. Bei Helmes sieht es etwas düsterer aus. Auch er kann mit dieser Interpretation des Systems erfolgreich sein, keine Frage, doch er muss von allen Stürmern am meisten an sich arbeiten.



[...] bei dem ich nicht eine gute Chance vernahm und auch sonst eher weniger am Spiel teilnahm. An meiner Stürmeranalyse hat sich auch nach zwei Spieltagen in 2011 nichts geändert. Heynckes Handschrift eben. Die Tore [...]