Vor dem Anpfiff gab es ein deutliches Zeichen für Helmes und zwar kein positives: Bankdrücken war angesagt, denn Heynckes besetzte die einzige Sturmspitze mit Derdiyok, obwohl es noch auf der Pressekonferenz hieß, der Schweizer sei, im Gegensatz zu Hyypiä, wohl noch nicht so weit. Schon letztes Wochenende musste Helmes Heynckes Unmut über seine Leistung spüren: Er wurde beim Stand von 0:0 für Mittelfeldspieler Bender ausgewechselt. Es hat den Anschein als hätte der ehemalige FC-Stürmer seinen Kredit verspielt, den er sich besonders in der Saisonvorbereitung verdient hat. Aber auch Derdiyok zündet diese Saison nicht wirklich und Kießling ist noch weit von einem Einsatz entfernt. Da drängt sich die Frage auf: Wer hätte vor der Saison vermutet, dass Leverkusen trotz massiver Stürmerprobleme voll im Soll ist? War sich die Fangemeinde vor dem ersten Spieltag nicht wirklich klar, wer von Derdiyok, Helmes und Kießling nun vorerst auf der Bank Platz nehmen sollte, scheinen sie derzeit alle ersetzbar. Das spricht für die Qualität des Kaders, die sich weder von Verletzungssorgen noch von einer Sturmflaute aus der Ruhe bringen lässt, denn das Mittelfeld ist stärker als in den vergangen Jahren und das ohne Kroos.
Einen teuren Toni-Ersatz konnte man sich wegen dem Ballacktransfer und der verpassten Champions League nicht leisten, weswegen man sich in der zweiten Liga bei Kaiserslautern bediente. Sidney Sam bekam einen Fünfjahresvertrag und war für die Zukunft vorgesehen, doch schon jetzt rutscht er in eine wichtige Rolle. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten ist er nun maßgeblich an der Punkteverteilung beteiligt: Das entscheidende Tor gegen Schalke, zwei gegen seinen Ex-Klub und nun einen Elfmeter mustergültig rausgeholt. Bastian Reinhardt, Sportchef beim HSV, ließ verlauten, dass Sidney Sam nicht langfristig an Hamburg gebunden wurde, da sein Benehmen nicht akzeptabel gewesen sei. Er hätte gegen die Hausordnung des Jugendinternates verstoßen.
Sidney Sam erfüllt eine Rolle, die man eher Renato Augusto zugetraut hätte. Doch der immer noch 22 Jahre junge Brasilianer zeigte gegen den FC Bayern München eine fade Partie. Ein kreativer Pass hier, ein ungenauer dort und im Eins-gegen-eins ging ihm die Courage abhanden. Dabei war die heutige Bayerndefensive ein wahres Königreich für Bayers Nummer 10. Tymoschuk und Ottl erfüllten die Doppelsechs mit Unsicherheit, Lahm und Van Buyten waren weit entfernt von ihren besten Tagen. Trotzdem wollte das Tor aus dem Spiel nicht fallen. Barnetta wieder mit viel Engagement, aber zur letztjährigen Form braucht es noch etwas mehr Entschlusswilligkeit. Simon Rolfes lieferte eine bombenfeste Defensivarbeit ab und baute das Spiel gut auf, fehlte aber dann natürlich im letzten Drittel des Spielfeldes. Sein chilenischer Partner hingegen kam zweimal vor Butt in Ballbesitz. Beim ersten Mal strahlte er viel zu viel Ruhe aus und drehte einfach lässig ab, anstatt frei zum Schuss zu kommen, beim zweiten Mal übermannte ihn die Hektik. Keiner auf dem Feld strahlte eine echte Torgefahr aus, außer Mario Gomez, der dann auch das 1:0 markierte, weil Manuel Friedrich ihn und der Rest der Defensive Bastian Schweinsteiger passieren lies.
Ein Comeback in der Defensive gab Gonzalo Castro: Wenige Minuten nach Einwechslung packte er gegen Ribery den Mähdrescher aus und holte sich gleich mal die gelbe Karte ab. Abgesehen davon war sein Spiel, unter Beachtung der Verletzungspause, sehr solide. So könnte nächste Woche gegen Hoffenheim Kadlec seine verdiente Pause bekommen, der nach Adler die mit Abstand meisten Spielminuten in dieser Saison abspulte. Aber auch aus Leistungsgründen wäre er auf der Bank gut aufgehoben. Zwar hatte er vor dem 1:0 zwei, drei Starke Aktionen, ließ im Verlauf des Spiels seine Seite aber viel zu oft offen.
Heute wäre mit mehr Entschlossenheit und Mut ein Sieg drin gewesen, doch das Unentschieden ist leistungsgerecht. Sogar etwas glücklich, bedenkt man, dass Schweinsteigers Tor gleich zu Beginn regelwidrig abgepfiffen wurde.
keine Taktikanalyse?
Ich hatte es ernsthaft vor, erkannte dann aber während dem Spiel nichts, was nicht schon hier breitgetreten wurde. Einzig das sehr laufintensive Pressing war mir neu.
Wieso mutlos? In der letzten Minute hat man doch schön gesehen, was passiert, wenn wir zu sehr aufmachen. Ich mag diese kontrollierte Art des Spiels. Van Gaal hat es doch selbst gesagt, keine andere Clubmannschaft ist zu so vielen Chancen gegen Bayern gekommen wie wir. Es mangelt an der Verwertung und am letzten Pass. Derdiyok hat den tödlichen Pass vier- fünfmal spielen wollen, blieb leider immer hängen. In jeder dieser Situationen hat man aber immer gesehen, dass da großer Sport ist, wenn der Ball kommt. Noch vor vier Wochen spielten wir üblen Rumpelfußball – jetzt, seit vier Spielen, sieht das alles schon wieder ganz anders aus. Was fehlt ist die letzte Ruhe und Konzentration – aber das wird, wenn die Jungs ihre Wehwechen alle mal auskuriert haben. Von Augusto erwarte ich nicht, dass er mal eben aus Brasilien wiederkommt und jedem Spiel seinen Stempel aufdrückt. Zum jetzigen Zeitpunkt der Saison finde ich es wichtiger, solche Spiele in jedem Fall nicht zu verlieren.
Mutlos war es dahingehend, das man gezögert hat, wirklich alles in einen Angriff zu legen und das Tor zu erzwingen. Das ist aber nicht gleich bedeutend mit dem Verlust der Kontrolle. Natürlich steigt dann die Gefahr eines Konters, aber die Bayern waren gestern defensiv so schwach, dass mit etwas mehr Konsequenz ein, zwei Tore mehr drin gewesen wären.
Mit Renato bin ich insgesamt zufrieden, auch wenn das Spiel gestern zu seinen schlechteren gehört. Man muss bedenken, wann der oben verlinkten Blogeintrag entstand: Im Sommer dachte man noch, dass Renato zu dem jetzigen Zeitpunkt schon 15 Startelfeinsätze auf dem Buckel hätte.
Ich glaube, dass Heynckes genau das der Mannschaft austreiben will. Dieses Russisch-Roulette – alles in einen Angriff reinlegen. Früher hat man auch Hurra-Fußball dazu gesagt. Haben wir ja lange genug gemacht. Gegen die Bayern kannst sowas nicht bringen, dazu ist deren Offensiv-Abteilung einfach zu stark.
Ich fand gerade Sam und Derdiyok überhaupt nicht mutlos. Im Gegenteil, wie konsequent mutig Derdiyok versucht hat die schwierigen Pässe zu spielen, da sind einem ja fast graue Haare bei gewachsen, weil’s eben auch oft schief ging :-).
Ich wüsste sehr gern, welche Marschroute Heynckes für das Spiel ausgegeben hatte. Ich glaube eigentlich, dass er die Bayern offener erwartet hat, konsequenter. Die brauchten die drei Punkte dringender als wir. Aber die Tatsache, dass Adler in der 2. Halbzeit keinen Ball mehr zu halten hatte spricht Bände. Die Angst zu verlieren, war bei den Bayern wohl größer als der Wille zu gewinnen. Mir sehr recht.
Du spricht’s ja ganz oben nicht umsonst von Stürmerkrise, da sind wir noch lange nicht bei 100 Prozent. Derdiyok gestern gerade wiedergenesen. Sam spielt seine erste richtige BL-Saison. Barnetta ist bienenfleißig, aber nicht zwingend. Renato noch nicht zu 100 Prozent im Rhythmus.
Zwingender hätte es gestern meiner Meinung nach eigentlich nur werden können, wenn man Barnetta eher für Bender raus genommen hätte, Vidal auf die linke Seite gegangen wäre und Bender in die Mitte neben Rolfes. Tja, und Ballack kann man ja leider auch noch nicht auf die 10 für Augusto stellen.
Heynckes hat aber auch gesagt, dass er Bayer beibringen will, die engen Spiele einfach mal zu gewinnen und das wäre gestern möglich gewesen. Die Frage ist einfach, wie viel Risiko man dafür eingeht. Für meinen Geschmack (ich bin auch ein Fan des kontrollierten Spiels) wäre mit mehr Mut, Entschlossenheit und Glaube in das eigenen Können mehr drin gewesen. Aber gut, das ist schlussendlich auch eine Glaubens-/Philosophiefrage.
Was du bei Derdiyok mutig nennst, bezeichne ich als überheblich und deplatziert. Es ist schade, dass er mit der Rolle des alleinigen Stürmer nicht klar kommt, denn er bringt eigentlich alles dafür mit. Er ist agil, technisch begabt, lauffreudig und kann sich im Eins-gegen-eins durchsetzen. Allein in der Kaltschnäuzigkeit fehlt es ihm noch etwas. Aber auch ihm muss man solche Phasen zugestehen. Er ist schließlich kein gestandener Bundesligastürmer wie Kießling.
Du, den “Mut” von Derdiyok sehe ich auch nicht als immer positiv. Gestern wirkte es auf mich schon arg Brechstangenmmäßig. Ich glaube, wenn es des Mutes zuviel gibt, dann nennt man das auch übermut :-).
Ja, enge Spiele gewinne wäre Klasse. Der Gegner war aber eben auch nicht irgendwer. In diesen engen Spielen merkt man eben das Fehlen von Spielern wie Kies oder einen fitten Ballack noch mehr. Rolfes hat vor allem in der zweiten Halbzeit sooft den Pass nach vorne gespielt, wo ich dachte, jetzt ist die Situation da. Und dann haben die Außen oder aber Derdiyok mit seinen teilweise grausamen Fehlpässen zum Gegner, es verdaddelt, weil sie gedanklich nicht schnell genug waren. Trifft leider auch auf Vidal zu, der viel gearbeitet hat, aber eben auch nicht diese Klarheit im Spiel hatte, die es gebraucht hätte.
Noch etwas zu Helmes-Geschichte: Phillip Ahrens hat mal wieder sein ganzes, investigatives Potential abgerufen und gleich den Bild-Artikel dazu rausgehauen: http://www.bild.de/BILD/sport/fussball/bundesliga/vereine/leverkusen/2010/11/22/patrick-helmes/zum-rapport.html
Bei der Bild werden zwar gerne Zitate aus dem Zusammenhang gerissen, aber es ist doch schön zu sehen, dass Helmes das ist nicht so einfach auf sich sitzen lässt.
Ein neues Fass, dass aufgemacht wurde, hurra: Wenn Völler sagt, das Helmes zuwenig auf dem Platz arbeite, ist das schon eine gewaltige Ohrfeige. Hat er Recht? Ich tue mich immer schwer Helmes einzuschätzen.
Einerseits glaube ich, dass er uns gegen die Bayern vorne gut getan hätte, es boten sich ja nicht wenige Schussgelegenheiten. Andererseits wollte Heynckes wohl hinten bei Ecken besser absichern können. Derdiyok war hinten jedenfalls zugeteilt.
Aber kann man das nicht auch anders lösen?